Dienstag, 19. Januar 2016

15 Uhr 55. Die Anzeige der Bahn neben mir leuchtete in einem grellen orange hinab auf den Gehweg direkt vor meine Füße. Ich starrte sie an, innerlich dazu getrieben die Straße hinunter zu sehen. Doch ich wusste, was mich dort erwartete. Ich wusste, was meine Augen sehen würden, was ich nicht zu ertragen schien. All diese Erinnerungen, all diese Momente. Der Tag ist gelaufen, sobald ich auch nur die Straße hinunter sehen würde, das war mir klar. Und doch, trotz all dieser Gewissheit, tat ich es. Ich machte den Fehler und ja, mit voller Absicht. Ist es nicht oft so, dass wir etwas ganz bewusst tun, nur um uns am Ende zu Schaden und uns selbst zu beweisen, ja es tut noch weh? Eine Art der Selbstqual, ohne tieferen Sinn.
Da stand ich nun also. Blickte auf die kleine Dachterrasse am Ende der Straße, blickte auf das Haus, die Eingangstür, die Autos, die davor parkten. Ich blickte auf Alles. 
Ich sah die Stühle, auf denen wir nachts betrunken saßen und über die Zerbrechlichkeit des Lebens philosophierten. Ich sah die Pflanze, die ich umgeschmissen hatte und ich sah das Geländer, an dem wir beide lehnten. Heimlich, versteckt vor den Anderen. Ich sah, wie wir uns festhielten und unsere Lippen sich berührten, wie wir lachten und in die Sterne sahen. 
Wir waren selbst beide so fragil, doch zusammen so unschlagbar, dass ich für einen Moment dachte, die Zeit mit ihm ist für immer. 
Ich musste lächeln und wandte meinen Blick wieder ab, wandte ihn meinen Füßen und dem leichten orangenen Schimmern der Anzeige auf dem Boden zurück. Welch kostbare Momente dies doch waren. 
Manchmal frage ich mich, ob ich unterbewusst mit Absicht in die Nebenstraße seiner alten Wohnung gezogen bin. Oder war es bloß Zufall gewesen, dass ich in diese Stadt, in genau diese Gegend musste? Ich weiß es nicht. Mein Gott, ich weiß es beim besten Willen nicht. 
Doch ich schwöre, jedes Mal, wenn ich diese Straße hinab schaue, tut es weh. 

Montag, 21. September 2015

As days go by, the night's on fire
Es war schon eine Ewigkeit her und doch hatte ich es die letzten Tage wieder gemerkt. 
Ich hatte gespürt, wie es langsam hervor kroch, an meinen Hirnwänden schabte, wie es immer mehr Besitz ergriff und die Gedanken förmlich zu kontrollieren schien. Ich hatte gesehen, wie es die Welt in einen Grauton verwandelte und Kontraste erblassen ließ. 
do you really want? Do you really want me?
Und da saß ich nun. Eingekauert auf den kalten Fliesen in der Ecke der Küche und starrte auf das verkalkte Glas in meiner Hand. Lange war es her, und doch fühlte sich diese Situation, dieser Moment, so an, als wäre er ein Teil von mir. Als wäre es niemals anders gewesen. So vertraut, beinah beruhigend. Ja, ich fühlte die Wärme und Geborgenheit, die dieser doch in manchen Augen so grausame Moment in sich hielt. Und doch genoss ich es. 
tell me would you kill to prove you're right?
Ich spürte, wie ich lächelte, obwohl mein Gesicht von Tränen überflutet wurde. Die letzten Wochen liefen nicht gut, das wusste ich. Doch dass ich mich wieder an einem Punkt in meinem Leben befand, mit dem ich eigentlich abgeschlossen hatte, machte mich nur um so wütender auf mich selbst. Und während ich das Glas ansah und darüber nach dachte, doch wieder einen Therapeuten zu besuchen, hallte ein Lachen aus meiner Kehle, das immer lauter wurde, bis es sich mit einem Schluchzen vermischte und in Stille endete. 
burn, let it all burn
Da war so viel Hass in mir, so viel Wut auf alles, aber vor allem auf mich selbst. Auf meine Fehler und Ängste, auf meine Taten, ja sogar Hass auf meine Gedanken. Nichts lief so, wie ich es wollte und all die negativen Kommentare der letzten Zeit hallten durch meinen Kopf, während ich das Glas noch fester umgriff, bis es aus meiner Hand auf den Fußboden glitt und in tausend Scherben zersprang. 
this hurricane's chasing us all underground
Weinend saß ich in Scherben, ließ meine Hände langsam über sie gleiten und spürte die scharfen Kanten, wie sie meine Haut kitzelten. Langsam und vorsichtig, dann immer fester. Die Tränen stoppten, ich lächelte. 

oh, this hurricane
oh, this hurricane


Freitag, 11. September 2015

"Du isst wieder mehr, oder?" In ihren Augen lag ein Ausdruck von Sorge und Beobachtung. "Gestern waren es eine Packung Milchschnitten und eine Packung Kinder Pingui", gab ich ironisch stolz von mir und verzog die Lippen zu einem müden Lächeln. Ja, es war wieder mehr geworden. Genau dann, wenn es so aussieht, als würde das Leben mich in eine Ecke drängen, genau dann, wenn ich die Kontrolle zu verlieren scheine. Genau dann begann ich immer wieder alles Essbare in mich aufzusaugen, bis sich mein Magen so gefüllt hatte, dass nicht ein Bissen mehr hinunter ging.
"Es ist wegen dem Umzug, oder?"
Ja, der Umzug. Während ich meine Tage damit verbrachte, so gut es geht, Geld zu sparen und mich mit Wohnungen und Möbeln auseinander zu setzen, konnte ich fühlen, wie sich jede Minute mein Stresslevel erhöhte. "Es ist einfach so viel. Die Wohnung, nebenbei arbeiten, die Uni geht auch bald los und ugh." Ich sah sie halbherzig lächelnd an. "Es ist eben momentan viel, das war's." Und damit war die Diskussion für mich abgetan.
Dass ich manchmal alles hinschmeißen und einfach abhauen wollte, hatte ich ihr nicht gesagt. Wieso auch? Ich würde es eh niemals tun. Ich würde mit ihm zusammen ziehen, wir würden vielleicht heiraten, Kinder kriegen und dann in einer Stadt verrotten mit schrecklichen Nachbarn und ätzenden Kindern, die mitten in der Pubertät stecken und in dieser Welt nicht mehr ohne Rauschmittel klar kommen würden.
Doch das möchte ich nicht, ich möchte keine Kinder, ich möchte Reisen und das Geld in meine Welt investieren. Ich möchte rennen, hüpfen, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Ich möchte einen Kleiderschrank, der niemals voll genug ist und ich möchte Frieden mit mir selbst finden. Ich möchte die Welt kennen lernen, auf der ich lebe und ja, ich möchte das alles mit ihm erleben. Kein 08/15 Leben, wie jede Mutter aus der Vorstadt, die Kuchen backt und Blümchenkleider trägt. Das kann ich nicht. Und das bin ich auch nicht.
"Jass, es ist bloß ein Umzug. Das heißt doch noch nicht, dass du direkt zur Hausfrau mutierst." Sie lachte bei der Aussage und gab mir einen Stoß mit dem Ellbogen, "Hier, zieh dran" Sie hielt mir ihre Zigarette hin. Ich schüttelte den Kopf und biss mir auf die Lippe. Bei ihr schien das Leben so einfach zu sein, wieso klappte das bei mir nie? All diese "Was wäre, wenn" 's gab es bei ihr nicht, oder zumindest lies sie es so aussehen. Oft bewunderte ich sie dafür.
"Ja... Vielleicht hast du recht.", war alles, was ich ihr entgegnete.